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Konsequent, aber richtig

„Sie ist doch selbst schuld, dass ihr ihre Kinder auf der Nase herumtanzen! Sie müsste nur konsequent sein!“ sagt eine Frau über ihre Freundin. Ich hake nach: „Was meinen Sie damit?“ Sie setzt fort: „Der Junge, 3 Jahre ist total bockig und schreit rum, wenn sie den Fernseher ausmacht.“ Jetzt bin ich neugierig:“ „Was würden Sie ihr empfehlen, zu tun?“ Sie (kinderlos, leidet an Depression und Panik): „Da muss sie ihm den Schnuller wegnehmen, damit er lernt, dass das so nicht geht. Und er soll in sein Zimmer. Da kommt er immer wieder raus. Da sollte sie zuschließen.“

Das ist also konsequent in ihren Augen. In meinen heißt es anders. Wir werden uns schnell einig, dass es sich um eine Strafe handelt.

Ich frage weiter: „Was glauben Sie, weshalb der Junge weint, wenn der Fernseher ausgemacht wird?“

„Er will weitergucken und ist wütend.“

„Und sie glauben, ihm jetzt den Schnuller, der eine beruhigende Funktion hat und ein Einsperren im Zimmer, helfen jetzt?“

„Naja, da lernt er, dass er sich so nicht benehmen kann.“

„Ich glaube, er lernt was ganz anderes!.“

Ich glaube, er lernt genau wie sie, Gefühle zu unterdrücken, Unterordnung oder Rebellion.

Er lernt nicht, mit Wut und Traurigkeit gesund umzugehen. Er wird im Frust isoliert, weggesperrt und noch mehr frustriert.

Und dann haben wir die nächste Generation Erwachsener, die mit Depressionen kämpft, Panikattacken erlebt und lieber Gefühle betäubt als fühlt.Wieder eine Generation, die ihre eigenen wahren Bedürfnisse gar nicht kennt und stattdessen im Konsum und Leistungsstreben Momente der Zufriedenheit findet.

Das ist keine gesunde Konsequenz, die fürs Leben die Eigenschaften formt, die wir wirklich brauchen.

Was ich tun würde?

Ich würde mehrere Dinge tun. Und die tu ich tatsächlich, denn ich habe so einen dreijährigen Sohn auch, der traurig ist, wenn ich nicht zum zweiten Mal bei „noch ein letztes!“ reinfalle und ausmache.

  1. Bei uns gibt es nur einmal in der Woche 20min Fernsehen. Denn zum einen ist mir aufgefallen, dass es bei mehr Einheiten für ihn umso schwerer wird und er immer öfter schauen möchte. Zum anderen ist es wohl für die Entwicklung nicht gut, in dem Alter fernzusehen. Das ist unsere Aufgabe als Eltern hier einen gesunden, für das Kind händelbaren Rahmen zu stecken. Das Kind kann es nicht leisten, vernünftig zu handeln, bei etwas so spannendem wie Fernsehen der Lieblingshelden.
  2. Gefühle nicht bestrafen. Gefühle verstehen. Wenn ich den Fernseher ausmache, dann geht für mein Kind etwas Schönes zu Ende. Wenn ich am Ende eines tollen Buches ankomme, ein fesselndes Musical zu Ende ist oder ein richtig guter Film, dann hab ich es auch, dieses Gefühl von Traurigkeit, einem kleinen Abschied. Ich breche deswegen nicht in Tränen aus oder werde sauer auf die Darsteller. Aber ich bin auch nicht mehr 3Jahre. Ich hab ein Gehirn, dass im Grundschulalter etwas ausgebildet hat, was Vernunft heißt und ich habe mit Gefühlen umgehen gelernt. Als drittes muss noch klar sein, dass meine Gefühle auch nicht so stark sind in dieser Situation, wie bei dem Kind, das sich gerade von seinen auf dem Bildschirm gerade noch im Einsatz gewesenen Helden verabschieden muss. Und nein, das ist kein Bock. Er steckt mitten in der Autonomieentwicklung. Er übt also Selbstbestimmung. Das ist nicht zu verwechseln mit einem Machtkampf. Es ist eine Entwicklungsaufgabe. Kinder wollen uns damit nicht ärgern. Wenn wir nun mit Strafe antworten, lernt es, anderen auch mit Strafe zu drohen und zu begegnen, um sich durchzusetzen. Wollen wir das?
  3. Gefühle begleiten. Wenn ich nun verstanden habe, was da tatsächlich vonstatten geht, dann bleibt nur eine logische KONSEQUENZ: Ich helfe meinem Kind, sein Erleben einzuordnen und zu bewältigen. Zumindest, wenn ich ihm beibringen möchte, mit Gefühlen umgehen zu können. Und wenn ich einen empathischen und sozial kompetenten Sohn möchte. Dann spiegel ich, was in ihm vorgeht, damit er Worte für das findet, was er gerade empfindet. Ich sage so etwas wie : „Das war so schön für dich, Paw Petrol zu sehen? Du würdest am liebsten noch weiter schauen und nun ist es schon vorbei? Bist du ganz wütend, weil ich jetzt ausgemacht habe? Vermisst du die Rettungshunde gerade? Darf ich dich trösten?“… Bei Wut versuche ich, mich und die Umgebung so zu positionieren, dass er sich und mich nicht verletzt. Aber ich bleibe da. Ich halte den Raum für seine großen Gefühle.
  4. Wenn ich keine Nerven fürs Raum halten habe? Ja wer ist schon immer geduldig und hat innerlich Ressourcen? Dann kann man schauen, ob der andere Elternteil gerade mehr Reserven hat. Ich nutze dann auch OHRSTÖPSEL, denn wenn es leiser ist, dann hilft mir das enorm, die Ruhe innerlich zu halten. Ich geh auch mal kurz aus dem Kontakt, indem ich innerlich meinen Fokus auf meinen Atem lenke, zähle oder daran denke, dass er gleich wieder zu sich kommen wird und es sich auszahlt, diesen Weg zu gehen.

Wenn wir nämlich konsequent sind im gesunde Rahmen setzen, elterliche Verantwortung tragen, empathisch Kinder verstehen und nicht mehr verlangen, als ihre Entwicklung zulässt, dann ist das Ergebnis wahrscheinlich auch eine gute Beziehung zu unseren Kindern, und eine Folgegeneration von Menschen mit Empathie und Beziehungsfähigkeit.

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